Sake zum Dinner?

img_2830Richie Hawtin ist Techno-DJ und Japan-Fan. Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt er sich mit Sake, nun will er ihn als Dinner-Drink bekannt machen. Passt das?

Im schönen Pauly-Saal in Berlin hatte Hawtin zusammen mit Sternekoch Arne Anker ein Menü erarbeitet. Wie das ankam, ist auf FAZ.NET zu lesen.

Ein Interview mit Richie Hawtin über seine Faszination für Sake erschien in der Weihnachtsausgabe des Frankfurter Allgemeine Magazins.

Kinozeit-Adventskalender

Es gibt diese Wochen, da kommt man montags ins Büro und hofft schon auf den Freitag. Und weil an solchen Montagen immer noch mehr furchtbare Dinge passieren, hilft manchmal nur ins Kino gehen. Für den schönen Kinozeit-Adventskalender hab ich über „Wild Tales“ geschrieben, eine bitterböse argentinische Komödie, die mir einen solchen Montag rettete.

Film-Kritik: Chuck Norris und der Kommunismus

Eigentlich müsste diese Kritik mit einem Chuck-Norris-Witz beginnen. Aber auf den vertrösten wir lieber bis zum Ende. Denn entgegen dem etwas reißerischen Originaltitel Chuck Norris vs. Communism geht es in dem Film der rumänischen Regisseurin Ilinca Calugareanu nicht darum, wie Chuck Norris mit einem Roundhouse-Kick ein Regime platt macht. Es geht vielmehr um Macht. Die Macht der Bilder. Und um eine Stimme, die noch lange nach dem Abspann dieses Films im Ohr klingen wird. Es ist die Stimme von Irina Nistor. Und sie konnte damit fast so viel bewirken, wie Chuck Norris mit seinen bloßen Händen. (…)

Die ganze Kritik lesen Sie auf: kino-zeit.de

Kleines Land, was nun?

Veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 11. Oktober 2013, Seite 3

Suzana Živković will weg. Während der Semesterferien hat sie den Entschluss gefasst, ihr Land zu verlassen. Der Zeitpunkt könnte für sie nicht günstiger sein, denn seit dem 1. Juli ist Kroatien Mitglied der Europäischen Union. Die Grenzen sind ein bisschen offener – dem Schengen-Abkommen muss Kroatien noch beitreten – und Europa ist ein bisschen näher gerückt. Deutschland hat für das neue Mitglied die gleichen Regelungen zur Arbeitnehmerfreizügigkeit eingesetzt wie zuvor bei der EU-Ost-Erweiterung für Polen, Ungarn oder Slowenien: Bis zu sieben Jahre werden keine Arbeitskräfte aus dem Land ohne Arbeitsgenehmigung aufgenommen. Aber wollen die Kroaten überhaupt ihr Land verlassen? Ein Blick auf die aktuelle Statistik zeigt: Jeder zweite Kroate unter 25 ist arbeitslos. Aber was sagen solche Statistiken schon über die Menschen aus?

Hinter Suzana Živković ragt die bröckelige Silhouette des Wasserturms von Vukovar auf. Er war 1991 beim Angriff der Serben auf die Stadt zerstört worden. Der durchsiebte Rest blieb als Mahnmal stehen, obenauf weht eine zerschlissene kroatische Fahne. Jedes zweite Haus trägt noch immer die Zeichen des Krieges, pockennarbige Fassaden mit Hunderten Einschusslöchern. An der Hauptstraße wächst reifer Holunder aus dem ersten Stock einer Hausruine. Gegenüber ist ein Kindergarten in einem Flachbau untergebracht. „Schlimm ist nicht, wie es hier aussieht, sondern die Mentalität der Menschen, die hier leben“, sagt Živković.

Als sie drei Jahre alt war, flüchtete ihre Familie vor dem Krieg nach Pula an die Küste. Die Rückkehr in die Stadt nach mehr als sieben Jahren bezeichnet sie noch heute als furchtbar. Die vier Jahre, die sie hier das Gymnasium besuchte, seien die schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen. Živković ist 19 Jahre alt. Sie hat nur wenige serbische Freunde. Wie hätte sie auch welche finden können, an einem Ort, an dem Kroaten und Serben ihre Kinder noch immer auf verschiedene Schulen und in verschiedene Kindergärten schicken?

30 Prozent der Einwohner Vukovars sind Serben. An die alten Stadtmauer hat jemand „Vukovar“ in kyrillischen Buchstaben gesprüht. Ein anderer hat das durchgestrichen und den Namen der Stadt in lateinischen Buchstaben daruntergesprüht. Vor hundert Jahren standen beide Schreibweisen auf alten Postkarten nebeneinander. Als die serbische Minderheit im vergangenen Jahr dafür eintrat, Straßenschilder auch in den kyrillischen Buchstaben des serbischen Alphabets anzufertigen, liefen die kroatischen Bewohner Sturm. Suzana Živković schüttelt darüber den Kopf: „Der Krieg ist vorbei, wir haben wichtigere Probleme, um die wir uns kümmern sollten, die Jugendarbeitslosigkeit zum Beispiel.“ Wer in Vukovar bleibt, sitzt zu Hause oder kellnert für ein paar Kuna, wie die kroatische Währung heißt. Wer studieren will, geht nach Zagreb. Dort hat auch Živković ein Semester studiert, Biotechnologie. Jetzt will sie Kroatien verlassen, erst als Au-pair-Mädchen nach Irland gehen und dann in einem Jahr vielleicht ihr Studium fortsetzen. In wenigen Wochen wird sie in den Bus nach Zagreb steigen und von dort nach Dublin fliegen.

Die Fahrt in die Hauptstadt dauert fünf Stunden. Es ist eine Fahrt von der neuen EU-Außengrenze zur alten. Die ersten drei Stunden klappert der Bus jeden größeren Ort im ländlichen Slawonien ab. Wie Perlen auf einer Schnur reihen sich die Häuser entlang der Hauptstraße. Dahinter liegt Ackerland. Zwischen den Dörfern wechseln Mais- mit Sonnenblumenfeldern. Keine Industrie weit und breit. Slawonien lebt von der Landwirtschaft, und von der Landwirtschaft lässt sich schlecht leben. In einigen Dörfern haben die Bauern ihre Traktoren mit Transparenten behängt. Sie protestieren gegen die sinkenden Preise ihrer Produkte. Dann fährt der Bus auf die Autobahn. Die Felder gehen am Horizont in sanfte Hügel über. Im Tal liegt Zagreb, nur noch 30 Kilometer von Slowenien entfernt. Bis zum 1. Juli endete die EU in den Wäldern vor der Hauptstadt.

Um seine Regionen an die Standards der Nachbarländer anzugleichen, bekam Kroatien als EU-Beitrittskandidat Gelder aus den EU-Fonds. Die Gemeinden und Städte konnten sich mit Projekten an den Ausschreibungen um diese Gelder bewerben. Eine, die diese Anträge fünf Jahre lang bewertet hat, ist die Verwaltungsangestellte Iva Śterc. Nun hat sie ihre Kündigung eingereicht. Es sei gerade der perfekte Zeitpunkt dafür, sagt sie. Selbstverwirklichung nennt sie als einen Grund. Ursprünglich wollte Śterc direkt nach dem Studium ins Ausland gehen und sich durch einen Postgraduierten-Abschluss weiterqualifizieren. Stattdessen bekam sie das Angebot, für die Regierung zu arbeiten. „Im Gegensatz zu all meinen Freunden mit Uni-Abschluss hatte ich überhaupt Arbeit“, sagt sie. Außerdem sei das Gehalt annehmbar gewesen. Das Durchschnittseinkommen in Kroatien liegt bei rund 700 Euro, Śterc verdiente etwas unter 1000 Euro. Ist Selbstverwirklichung wirklich der einzige Grund, einen solchen Job aufzugeben? Iva lächelt leicht verbittert. „Korruption“, sagt sie. Das sei der zweite.

Sie hält kurz inne, dann erzählt sie, wie ein Bürgermeister bei ihr anrief und sie bat, seine Projektbewerbung noch einmal zu betrachten. Wie wenig später auch von höherer Stelle aus dem Ministerium ein Anruf kam: ob man diese oder jene Bewerbung nicht noch einmal überdenken könne. Wie die Freundin, mit der sie gleichzeitig die Arbeit aufnahm, die „richtigen Leute“ kannte und wenig später eine bessere Stelle bekam. Mittlerweile ist sie Śtercs Vorgesetzte. Die beiden sind nicht mehr befreundet.

Korruption habe sich seit dem Krieg Anfang der neunziger Jahre in der kroatischen Gesellschaft festgesetzt. Nur ein Mentalitätswandel könne das ändern, sagt Śterc, und den sieht sie nicht kommen. „Das soll die nächste Generation machen, ich geb’ auf, ich verlasse das Land“, sagt sie. Śterc ist erst 32 Jahre alt. Sie schwärmt von Deutschland, von Ordnung und von Regeln. Sie schwärmt von allem, was man im Ausland den Deutschen so zuschreibt. Śterc schwärmt sogar von den deutschen Behörden, in denen man eine Nummer ziehen müsse und dann geordnet aufgerufen werde. Sie macht einer älteren Frau Platz, die in einer Mülltonne wühlt. Für jede Plastikflasche gibt es zwei Kuna Pfand, knapp 30 Cent. Die Durchschnittsrente in Kroatien beträgt weniger als 300 Euro. Plakate entlang einer großen Straße werben für Sonderangebote. Bei Lidl steht „Welcome to EU“ an der Einfahrt.

Josip Harapin ist ein junger Unternehmer, er wartet vor dem Kino „Europa“ in der Innenstadt. Nebenan wird gebaut, „Europa“ hat heute geschlossen. Im nächsten Café erzählt Harapin von der Druckerei, die er mit sieben Angestellten betreibt. Er spricht viel über die Krise. Erzählt, dass einige seiner Freunde bereits seit einigen Jahren im Ausland leben, weil sie in Kroatien keine Arbeit fanden. Kann er sich auch vorstellen, wegzugehen? Nein, sagt Harapin, er mag sein Unternehmen, will es gern ausbauen, mehr Angestellte einstellen. „Mehr Aufträge aus dem europäischen Ausland, aus Italien zum Beispiel, wären schön“, sagt er.

Sein Telefon klingelt alle fünf Minuten. Manche Anrufe drückt er weg, bei anderen entschuldigt er sich mit höflichem Lächeln: Dürfe er den Anruf kurz annehmen, es sei wichtig, geschäftlich. Er arbeite mehr als zehn Stunden am Tag, sagt er. Das Geschäft läuft, und trotzdem ist kein Geld in der Kasse. Momentan stehen bei Harapin Rechnungen von sechs Monaten aus, alle von kroatischen Auftraggebern. Die könne er jetzt schneller verklagen, dank eines neuen Gesetzes durch den EU-Beitritt, sagt er. Was müsste sich in Kroatien noch ändern, damit Unternehmer wie er von ihren Firmen leben können? Harapin seufzt. „Die Korruption“, sagt er und erzählt, wie er sich für öffentliche Ausschreibungen beworben habe. Der Bearbeiter habe angeboten, ihm den Zuschlag zu geben, unter der Bedingung, dass Harapin ihm einen größeren Teil des Gewinns zahle. Der Unternehmer hatte abgelehnt. Er wolle sein Geld ehrlich verdienen, sagt er.

Momentan zahle nur ein Unternehmen pünktlich: das neue Informationszentrum, dass zum EU-Beitritt Kroatiens eröffnet wurde. Es ist ein kantiger Bau mit Glasfassade, dessen Fenster ungleichmäßig mit weißer Farbe ummalt sind. Es sieht aus, als hätte ein ungeschickter Sprayer versucht, Wolken zu malen. Davor flattern die europäischen Fahnen, an deren Fuß liegt ein sechszackiger Stern. Das Beitrittsdatum „1. Juli“ ist eingraviert. Manchmal turnen Kinder über den glatten Marmor des Sterns. Manchmal sitzt ein Arbeiter auf einem Sternarm und kaut sein Pausenbrot. Hat sich mit dem EU-Beitritt etwas verändert? Die meisten zucken auf diese Frage mit den Schultern: „Eigentlich nicht.“

Vor wenigen Monaten hat Kroatien ein System eingeführt, um seine Mehrwertsteuer besser eintreiben zu können. Auf den Wochenmärkten soll es nun beispielsweise elektronische Belege über die gekauften Waren geben. Bislang tauschten die Händler einfach Obst oder Gemüse gegen Geld. Kein Beleg, kein Nachweis für die Steuern. Der größte Markt in Zagreb heißt Dolac. Bereits auf den Stufen hinauf zu den Marktständen riecht es nach Lavendel, Honig und Feigen. Einen elektronischen Kassenbeleg stellt nur ein einziger Händler aus.

Vom Dolac sind es drei Schritte hinunter auf den Ban-Jelačić-Platz, Zagrebs Hauptplatz. Wer sich am Abend in der Stadt auf einen Drink verabredet, trifft sich hier um das Denkmal des Fürsten Josip Jelačić, eines kroatischen Nationalheldes. Sobald es dunkel wird, flanieren die Zagreber auf dem erleuchteten Platz. Spazieren, um zu sehen und gesehen zu werden. Die jungen Frauen lassen High Heels und Wedges unter plissierten asymmetrischen Röcken hervorblitzen, wie es die spanischen Modeketten Mango und Zara in diesem Jahr als Trend vorgeben.
Die Wirtschaft und die langen Röcke

Je schlechter die Wirtschaft, desto länger die Röcke, sagt Ana Josipović. Gemäß einem alten Sprichwort wollten die Mädchen damit zeigen, dass sie das Geld für den Stoff haben, sagt sie. Dann streicht Josipović ihren bestickten Minirock glatt. Mit ihrer Schwester Slavica hat sie gut zwei Jahre ein Modemagazin herausgegeben, bis der Verlag es wegen der Wirtschaftskrise einstellen musste. Seit Mai haben die Schwestern sich mit einem eigenen Modeblog selbständig gemacht. Dort zeigen sie Fotos aus Zagreb neben Aufnahmen aus London, Berlin oder Stockholm. „Über Mode zu schreiben heißt, über unser Leben hier zu schreiben“, sagt Slavica Josipović. Sie hatte jahrelang als Redaktionsleiterin bei der kroatischen „Cosmopolitan“ gearbeitet und bringt sich gerade selbst das Programmieren bei. Krise ist für sie ein Synonym für Chance. Als Anfang der neunziger Jahre der Krieg ausbrach, zog sie nach London. Sie konnte kein Wort Englisch, brachte sich damals die Sprache selbst bei. Wenn sie spricht, ist der britische Akzent nicht zu überhören.

In der britischen Hauptstadt lernte sie Flüchtlinge aus allen Teilen des zerfallenden Jugoslawiens kennen. Der Krieg kam nicht bis nach London. „Eine kroatische Freundin heiratete einen Jungen aus Serbien. Das interessierte dort überhaupt keinen“, sagt sie. Genauso liberal ist ihre Einstellung zum EU-Beitritt: „Wenn ich mir Europa bei Google Maps ansehe, dann sind wir doch alle nur kleine Punkte auf dieser Karte. Nationalitäten gehören der Vergangenheit an, darüber sollten wir hinwegkommen.“

Auch sie hofft, dass die kroatische Regierung und Verwaltung sich durch den EU-Beitritt reformieren werden. Gerade als sie beginnt, sich über die Korruption des ehemaligen Ministerpräsidenten aufzuregen, zupft der Fotograf Goran Ćižmesija sie leicht am Ärmel und nickt zum Nachbartisch. Sie verstummt. Die Tochter des besagten ehemaligen Ministerpräsidenten sitzt dort mit Entourage und schüttelt ihre blondierte Mähne. „Wir sind ein sehr kleines Land“, sagt Slavica Josipović und lächelt spitz. Gerade mal vier Millionen Einwohner hat Kroatien. Was sie davon hält, dass so viele junge Kroaten ins Ausland wollen? „Sie sollen gehen“, sagt Josipović. „Sie sollen Erfahrungen sammeln, die sie hier nicht machen könnten, und dann sollen sie mit ihrem Wissen zurückkommen. Dieses Land braucht mutige junge Menschen, die die Dinge anders anpacken.“